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Thom Yorke`s *Anima*: Elektro & Rebellion zugleich

Titelbild Thom Yorke Album Review Anima

Wer über Thom Yorke spricht, muss einfach Nerd sagen. „Speziell“ ist einfach unter-, „skurril“ hingegen übertrieben. Jüngster Beweis ist sein neues Album *Anima*, eine elektronische Reise in seine dystopischen Gedankengänge. Klingt seltsam – ist es auch.

Das fängt schon bei der Bewerbung des neuesten Soloalbums von Thom Yorke (hier übrigens mein Konzi-Bericht zu seiner Solo-Tour) an. Thom ist ja nicht gerade als Social Media-affin bekannt. Für die Promo rund um den Globus Werbeplakate für eine Firma namens „Anima Technologies“ zu publizieren, war daher nicht nur passend, sondern genial. So geht „viral“ eben auch! Details dazu könnt ihr auf dem Musikexpress nachlesen: Thom Yorke`s Multimedia-Aktion.

Wenn wir mal ehrlich sind: Niemand hat etwas anderes von Thom Yorke, Radioheads`Mastermind, erwartet. Sein neues Machwerk ist ein Konzeptalbum, zeitgleich veröffentlicht mit einem Kurzfilm von Paul Thomas Anderson („Boogie Nights“). Produzent ist Nigel Godrich, seines Zeichens langjähriger Radiohead-Produzent. Die Produktion des Films ist mehr als passend zum Album (welche Idee war wohl zuerst da?), und für Thom Yorke gab es sicher keine Zweitbesetzung. Vorneweg: Um die neuen Songs wirklich zu begreifen und den Film zu verstehen, sollte man wirklich beides kennen. Wobei sie durchaus auch alleinstehend genial sind. Aber bei Thom geht es oftmals um den grösseren Kontext, so auch bei *Anima*.

Elektronika pur

Zunächst einmal konzentriere ich mich jedoch aufs musikalische – irgendwo muss ich ja anfangen (und es ist weiss Gott nicht einfach). Es ist ganz sicher ein vielschichtiges Elektro-Album, auf das man sich einlassen muss. Thom wechselt geschickt zwischen Mid- und Uptempo-Beats hin und her, verschiedenste Samples finden ihren Weg ins Ohr und hinterlassen beim ungeübten Hörer zunächst Verwirrung. Yorke`s Vocals sind teils bekannt hell, teils unbekannt tief – bis hin zu gepitchten Vocal-Parts. Letzteres wirkt bei anderen Elektro-Künstlern peinlich banal und erinnert an billige 90er-Jahre Technodisco. Beim depressiven Briten bekommt selbst das einen anspruchsvollen, gar melancholischen Touch.

Hast du Angst oder lebst du schon?

Thom Yorke gibt selbst zu, unter Ängsten und Panikattacken zu leiden. Ich zitiere: “ Dystopische Gedanken waren definitiv ein Teil des kreativen Schaffens. Aber noch bedeutender war für mich ein Gefühl von Beklemmung und Unruhe. Wenn man an einer Angststörung leidet, manifestiert diese sich oft auf unvorhersehbare Weise. “ Hmmm, das erklärt so einiges. Zum Beispiel, weshalb die Grundstimmung von *Anima* eher bedrückend ist, aber auf keinen Fall erdrückend. Thom Yorke ist in dieser Hinsicht ein Genie. Stets schafft er ein Gleichgewicht schafft zwischen all den Gefühlen, die er mit seiner Musik ausdrücken möchte. Und schlussendlich auf musikalischer Ebene, mit allen Stilen, die er im Laufe seines langjährigen (30??) Schaffens für sich entdeckte.

Vom ganz alltäglichen Wahnsinn

Ja, doch, jetzt wird`s so richtig ernst mit der Thematik. Hier muss ich kurz einen Bogen zum Kurzfilm schlagen: In der ersten Filmszene sieht man Thom in der U-Bahn sitzend, ziemlich deutlich wegnickend. Typische Szenerie morgens auf dem Weg zur Arbeit. Illustriert wird dies durch eine recht unterhaltsame Choreographie, wie man mehr oder weniger erfolgreich gegen den Schlafmangel ankämpft. Kommt das irgendwem bekannt vor? Mir zumindest schon… Jedenfalls wird hier gleich das grosse Thema klar: Der tägliche Kampf gegen den Alltag. Der drohende Untergang in der breiten Masse – ein Zahnrad unter vielen zu sein.

Mehr dazu später, jetzt erstmal weiter im Albumtext. *Last I Heard (He Was Circling The Drain)* transportiert einen äusserst minimalen, aber dadurch monotonen, melancholischen Sound. Der ungeübte Hörer könnte seinen Gesang gar als weinerlich interpretieren, für den geneigten Thom Yorke-Kenner hingegen nichts neues. *Twist* im Gegensatz dazu wirkt fast fröhlich, insbesondere mit den gesampelten Background-Vocals. Bis, ja bis zum Finale ab der 4. Minute: Dann nämlich setzen düstere Piano-Klänge ein. Die Elektro-Welten bahnen sich hier in einem leicht schrägen Beat ihren Weg. *I Am A Very Rude Person* kommt äusserst chillig daher, mit einem leichten, jazzigen Rhythmus.

Hüpfende Beats & grungige Gitarrenriffs

*Not The News* reisst mich quasi aus der Lethargie der vorangegangenen Songs heraus. Thom Yorke`s ganz eigener Elektro-Stil kommt voll zum Zuge, das Background-Sample hört sich beinahe lustig an. Ich kann es nicht anders beschreiben! Bei *The Axe* lohnt es sich, bei den Lyrics genauer zuzuhören: Denn hier brechen sich erneut Yorke`s Weltschmerz und Gesellschaftskritik ihre Bahn.

„Goddamned machinery Why don’t you speak to me? One day I am gonna take an axe to you… „

Jep, so geht es mir gelegentlich auch (ich gehe hier nicht näher drauf ein). Als herausragend empfinde ich den letzten Song von *Anima*, nämlich *Runwayaway*. Im Intro dachte ich zunächst, die Deftones hätten sich ins Aufnahmestudio verirrt – wer *White Pony* kennt, weiss, wovon ich spreche. Das Klangstück entwickelt sich zu einem vielschichtigen Elektro-Song: Geschickte Tempowechsel, kombiniert mit gepitchten Gesangsamples. Ein zynisches „This is when you know, who your real friends are“, unterlegt mit dramatischen Streicher-Elementen und Klavierklängen, gibt dem ganzen einen unerwarteten, düsteren Touch – genial!Jep, so geht es mir gelegentlich auch (ich gehe hier nicht näher drauf ein). Als herausragend empfinde ich den letzten Song von *Anima*, nämlich *Runwayaway*. Im Intro dachte ich zunächst, die Deftones hätten sich ins Aufnahmestudio verirrt – wer *White Pony* kennt, weiss, wovon ich spreche. Das Klangstück entwickelt sich zu einem vielschichtigen Elektro-Song: Geschickte Tempowechsel, kombiniert mit gepitchten Gesangsamples. Ein zynisches „This is when you know, who your real friends are“, unterlegt mit dramatischen Streicher-Elementen und Klavierklängen, gibt dem ganzen einen unerwarteten, düsteren Touch – genial!

*Anima* – Mainstream Ja oder Nein?

Zum Abschluss der versprochene Bogen zum Kurzfilm *Anima*, zusammen mit einem Fazit zum Konzeptalbum von Thom Yorke. Ich verstehe das Konzept von Thom Yorke`s Anima ebenso als Gesellschaftskritik und an einem Lebensstil, welcher uns aufgezwungen wird. Die einen merken es nicht, die anderen ergeben sich pragmatisch ihrem Schicksal – nochmal andere, so wie Thom Yorke, fühlen sich ihr Leben lang falsch am Platz. Man ist bemüht, (Gleich-) Schritt zu halten (wie in der Film-Szenerie zum Song *Traffic*). Gleichzeitig passt man mit seinem Tempo nicht hinein – man eckt an oder wird ausgebremst, trotz aller Bemühungen.

Letzte Station – Liebe

Als einziger Ruhepol sieht Thom die enge Bindung zu einem anderen Menschen, genauer gesagt: Liebe. Dies verdeutlicht die letzte Szene im Film *Anima*, klangvoll untermalt von „Dawn Chorus“, in welcher Thom eng umschlungen mit einer Frau tanzt. Auch deshalb möchte ich euch dieses Album UND diesen Film ans Herz legen, nicht nur aufgrund des musikalischen Know-hows. Genauso wichtig ist die gesellschaftskritische Botschaft. Deshalb gibt es zum Abschluss dieses Beitrags ein weiteres Zitat aus *The Axe* und eine Botschaft von mir an euch: Wehrt euch gegen das System, wann immer ihr euch unwohl damit fühlt. Ihr müsst gar nichts, ausser… Na ihr wisst schon.

Thom Yorke – *The Axe*

„You bastards speak to me
Have you no pity?
Give me a goddamned good reason
Not to jack it all in
You wooden soldiers
I`m daring you to turn yourselves on…“

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Kurzfilm *Anima* auf Netflix

Thom Yorke – *Twist*

Pic: Privat

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